Le Mans – Nissan auf dem Weg zur Super Blamage?

Eigentlich sollte die Pressemeldung Grund zur Freude geben. Nissan betritt, nach 16 Jähriger Abstinenz, wieder das Hauptfeld der Le Mans Prototypen. In der Imageträchtigen LMP1 Klasse bemüht sich das japanische Unternehmen mit drei Fahrzeugen wieder Fuß zu fassen.

Der Wiedereinstieg in die LMP1 wurde erst vor knapp einem Jahr durch den damaligen CPO (Chief Planung Officer) Andy Palmer bekannt gegeben (hier der Artikel dazu) und sorgte vielerorts für positive Stimmung. Um den Einsatzwagen jedoch wurde der Mantel der Verschwiegenheit geworfen. Viel Tamtam, jedoch leider kaum Details. Bis auf den Namen. GT-R LM NISMO soll Nissan Samurei Schwert im Reigen der Mitbewerber heissen. GT-R genau so wie der kultige Supersportwagen des Traditionsherstellers.

Inzwischen sind einige Monate vergangen, die zuerst vage Details lieferten bis endlich während diverser Probefahrten, der Le Mans Wagen gänzlich zu sehen war. Erstaunlicherweise hat dieser nicht nur eine Namensgleichheit mit dem GT-R, nein auch im Grundkonzept sind sich die beiden ähnlicher als es eigentlich gut wäre.

Designumkehr

Seit fast einer Dekade bauen die renommierten Le Mans Teams auf die Anordnung Achse(V) – Fahrer – Motor – Achse(H), was sich als sehr performantes Konzept beweisen hat. Audi fährt damit jährlich aufs Podium und sowohl Toyota als auch LMP1 Newcomer Porsche weichen nicht von diesem bewährten Mittelmotorprinzip ab.

Nissan jedoch, ich vermute aus Marketinggründen, sucht die konzeptionelle Nähe zu den Straßen GT-R Modellen. Achse(V) – Motor – Fahrer – Achse(H) heißt es hier. Ein Prinzip was bei Supersportwagen oft Anwendung findet und durch den meist verbauten Hinterradantrieb oft puren Fahrspaß liefert. Genauso stellt sich auch der GT-R LM NISMO auf um damit in Le Mans kompetitiv zu sein. Bis auf den Hinterradantrieb, doch dazu gleich mehr.

Die gleiche Idee hatte vor einigen Jahren auch der Chassis Hersteller Panoz. Jedoch zeigen die Motorsport-Geschichtsbücher zu den eingesetzten Panoz LMP1 und LMP07 so gut wie gar keine greifbaren Einträge, geschweige Erfolgsmeldungen.

Leider beschränken sich die konzeptionellen Ungereimtheiten nicht nur auf das Grundkonstrukt der GT-R LM NISMO. Auch der weitere Aufbau der Rennwagen erscheint mehr als ungewöhnlich, was auch das bekennende Ziel des Entwicklers Ben Bowlby ist. Der Britische Rennwagendesigner ist bekannt dafür, Aufgaben mit völlig neuen Ansätzen anzugehen. Das ist eigentlich gar nicht einmal schlecht, festgetretene Pfade zu verlassen und macht an manchen Stellen absolut Sinn. Diverse Baugruppen wurden so schon revolutioniert und mit dem Delta Wing und ZEOD RC betraten völlig neuenFahrzeuge die Rennstrecken der Welt. Aber ein ganzes Auto mit der heißen Nadel, damit meine ich nicht die Exfrau von Dieter Bohlen, zu konstruieren ist schon mehr als gewagt.

Aber der Reihe nach und am besten am GT-R LM NISMO von vorne nach hinten. Der im Vergleich zu Audi & Co. ausgesprochen flache LMP1 von Nissan wird mittels Frontantrieb bewegt! Frontantrieb bedeutet natürlich eine deutliche Mehrbelastung, der Kammsche Kreis verrät warum, der beiden vorderen Reifen. Diese dürfen sich jetzt nicht nur hauptberuflich um die auftretenden Lenkkräfte kümmern, nein nun kommt auch noch die Belastung durch Beschleunigung sowie Verzögerung hinzu.
Mörderstreß für jeden Gummi!

Hinter der ellenlangen und den Frontmotor beherbergenden Haube befindet sich der Arbeitsplatz der Piloten. Nissan setzt hier auf eine Mischung aus erfahrenen Berufserfahren und den jungen Wilden der GT Academy. Diese teilen sich einen mehr als heißen Aufenthaltsort. Schon bei Panoz klagten die Fahrer über ungewohnt heiße Bedingungen im Cockpit, verantwortlich dafür die Wärmeabstrahlung des Motors und der Abgasanlage welche als Aerodynamisches Hilfsmittel erst am Heck ausatmen wird. Dadurch bedingt müssen die mehrere hundert Grad heißen Abgase am/unter dem Cockpit vorbei geführt werden. Bei wahrscheinlich sommerlichen Temperaturen an der Sarthe eine Qual für die Fahrer.

Le Mans Fahrer Nissan 2015

Quelle: Nissan

Leider hat die Farce des merkwürdigen Designs hier noch kein Ende. Bedingt durch mangelhafte Ergebnisse beim Chrashtest der FIA/ACO musste Nissan ordentlich an den Boliden nachbessern und anpassen. Eine Folge hieraus war die Nichtteilnahme an den beiden ersten WM Läufen der WEC in Silverstone und Spa-Franchorchamps. Darüber hinaus funktioniert bei den LMP1 der benötigte Hybridantrieb nicht oder nur phasenweise. Damit bleibt es beim reinen Vorderantrieb und der Leistungszuwachs an der Hinterachse fällt leider aus. Damit auch eine wichtige Komponente um das Untersteuern des Rennwagens auszugleichen. Kollege Marcus Schaurig von der ams weiss auch von einem Hinterachsdifferentialproblem welches dem Einsatzteam zu schaffen macht.

Nebeneffekt des nicht funktionierenden Hybridsystems ist eine Überhitzung der Bremse da die Rekupertion des 8 MJ Systems nicht zusätzlich verzögert. Somit findet eine Überlastung der vorderen Bremsanlage statt, weswegen Nissan hier eine größere Bremse einsetzen muss. Grössere Bremse bedeutet dann aber flachere Reifen an der Vorderachse die nun noch schneller den Exitus erleiden werden :-(

Ich muss mich wiederholen, dieser LMP1 Einsatz mit den drei Fahrzeugen ist eine Farce. Wie befürchtet erreichen die GT-R LM NISMO noch nicht einmal die Performance der LMP2 Renner und standen diesen, bei den jüngsten Qualifikationen, im Weg.

[box type=normal]Ich mag die Marke Nissan sehr und habe einen guten Draht zu einigen der in Deutschland arbeitenden Kollegen der Presseabteilung. Auch zu einigen Fahrern der GT Academy pflege ich einen guten Kontakt. Ich würde mich super freuen wenn meine Vorhersagen, die in dieser Form zum Beispiel auch bei der ams beschrieben werden nicht stattfinden und die Autos uns alle überraschen. Wird so aber nicht stattfinden und stattdessen verbrät hier der Nissan Konzern ein Budget von ca. 40 Mio US Dollar. Fürs Marketing und Promotion der GT-R Modelle welche doch eh schon längst Kultstatus besitzen und eigentlich keiner Werbung mehr benötigen. Schade![/box]

Fotos und Animationen: Nissan
Quellen: auto, motor & sport / eigene Gespräche

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